Inhaltsverzeichnis
- Die Ausgangslage: Riester bleibt oder geht?
- Entscheidungskriterium 1: Kosten des bestehenden Vertrags
- Entscheidungskriterium 2: Garantien und ihre Bedeutung
- Entscheidungskriterium 3: Verbleibende Ansparzeit
- Entscheidungskriterium 4: Steuerliche Situation
- Entscheidungskriterium 5: Übertragungskosten
- Praxis-Checkliste: Weiterführen oder wechseln?
- Rolle der Verbraucherzentrale
- Praxisbeispiel
- Fazit: Keine pauschale Antwort möglich
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Die Ausgangslage: Riester bleibt oder geht?
Mit der Einführung des Altersvorsorgedepots (AVD) ab 2027 stehen Riester-Sparer vor einer Grundsatzentscheidung: Bestandsvertrag behalten oder in das neue System wechseln? Beides ist möglich, beide Optionen haben Vor- und Nachteile. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht – entscheidend ist die individuelle Situation.
Entscheidungskriterium 1: Kosten des bestehenden Vertrags
Der erste und oft wichtigste Faktor ist die Kostenstruktur des aktuellen Riester-Vertrags. Viele Riester-Rentenversicherungen, die in den 2000er- und 2010er-Jahren abgeschlossen wurden, weisen vergleichsweise hohe Verwaltungskosten auf: Abschlusskosten (die über die ersten Jahre abgezogen werden), laufende Verwaltungskosten und Kosten für die Garantiemechanik.
Ein Blick auf die jährliche Wertmitteilung (gesetzlich vorgeschrieben) zeigt die Gesamtkostenquote. Liegt sie deutlich über 1 % des Vertragswerts pro Jahr, kann das neue Standarddepot mit seinem gesetzlichen Kostendeckel von 1 % günstiger sein.
Entscheidungskriterium 2: Garantien und ihre Bedeutung
Viele Riester-Verträge enthalten Garantieelemente: die 100-prozentige Beitragsgarantie auf eingezahlte Beträge und Zulagen, einen garantierten Rentenfaktor (Umrechnungsgröße von Kapital in monatliche Rente) oder Zinszusagen.
Diese Garantien haben einen Wert – vor allem für Sparer, die sich Planungssicherheit wünschen oder nicht mehr viel Zeit haben, Verluste auszusitzen. Wer wechselt, verliert diese Garantien. Das Standarddepot bietet keine Beitragsgarantie.
Auf der anderen Seite sind Garantien nicht kostenlos: Ein erheblicher Teil der Rendite geht in die Garantiemechanik. Bei langen Anlagezeiten kann das die Rendite deutlich schmälern.
Entscheidungskriterium 3: Verbleibende Ansparzeit
Der Zeitraum bis zur geplanten Altersvorsorge-Entnahme beeinflusst das Risikogewicht erheblich. Je länger die verbleibende Ansparzeit, desto besser kann ein Depot ohne Garantie kurzfristige Marktschwankungen ausgleichen. Bei einem langen Zeithorizont von 20 oder mehr Jahren hat ein global diversifiziertes Aktienportfolio historisch gesehen Verluste kompensiert.
Bei wenigen verbleibenden Jahren bis zur Rente ist das Marktrisiko eines garantiefreien Produkts bedeutsamer. Kurzfristige Kursrückgänge kurz vor der Entnahme können die Altersvorsorge empfindlich treffen.
Entscheidungskriterium 4: Steuerliche Situation
Wer in einer hohen Steuerprogression ist, profitiert überproportional vom Sonderausgabenabzug. Das neue AVD-System sieht eine höhere abzugsfähige Beitragsobergrenze vor. Je höher das zu versteuernde Einkommen, desto bedeutsamer wird dieser Aspekt.
Gleichzeitig gilt nachgelagerte Besteuerung: Auszahlungen aus dem geförderten Kapital werden im Rentenalter versteuert. Wer davon ausgeht, im Rentenalter einen niedrigeren Steuersatz zu haben, profitiert von der Steuerstundung.
Entscheidungskriterium 5: Übertragungskosten
Eine Übertragung ins AVD ist nicht kostenfrei. Der alte Anbieter darf gesetzlich geregelte Stornoabzüge erheben. Berechnen Sie, ob der Nettobetrag nach Abzug der Übertragungskosten langfristig eine höhere Rendite im neuen System ermöglicht.
Praxis-Checkliste: Weiterfühlen oder wechseln?
Erstellen Sie eine persönliche Entscheidungsmatrix:
- Aktuelle Jahreskosten Ihres Riester-Vertrags (aus Wertmitteilung)
- Erwarteter Übertragungswert (nach Stornoabzügen)
- Garantieelemente und deren Wert für Sie persönlich
- Restlaufzeit bis zur Rente
- Ihr Steuersatz und Bruttoeinkommen
- Laufende Kosten des gewünschten AVD-Produkts
Eine Differenz zwischen Bleibekosten und Wechselkosten – berechnet über den verbleibenden Anlagezeitraum – kann zeigen, ob sich der Wechsel rechnerisch lohnt.
Rolle der Verbraucherzentrale
Die Verbraucherzentralen der Bundesländer bieten unabhängige, kostenpflichtige Beratung zur Altersvorsorge an. Keine individuelle Produktempfehlung, aber eine neutrale Analyse der persönlichen Situation ist dort möglich. Diese Beratung kann hilfreich sein, bevor eine irreversible Entscheidung getroffen wird.
Fazit: Keine pauschale Antwort möglich
Die Entscheidung zwischen Weiterfühlen und Wechseln ist hochgradig individuell. Beide Optionen können – je nach Situation – sinnvoll sein. Entscheidend sind die Kosten des Bestandsvertrags, die Bedeutung von Garantien, der Zeithorizont und die steuerliche Position.
Praxisbeispiel
Situation: Ein Arbeitnehmer (43 Jahre) hat einen Riester-Rentenversicherungsvertrag (14.000 Euro Guthaben, Restlaufzeit 22 Jahre). Die jährlichen Kosten betragen ca. 1,6 % auf den Depotwert. Er überlegt zu wechseln.
Entscheidungs-Rahmen:
| Frage | Antwort | Empfehlung |
|---|---|---|
| Noch > 15 Jahre bis Rente? | Ja | Wechsel lohnt sich meistens |
| Kosten über 1 % p.a.? | Ja (1,6 %) | Wechsel fast immer vorteilhaft |
| Übertragungsgebühren? | Prüfen | Break-Even berechnen |
| Vertrag hat festgeschriebenen Rentenfaktor? | Nein | Kein Verlust durch Wechsel |
| Guthaben unter 5.000 €? | Nein | Wechselkosten weniger relevant |
Simulation: Bei 14.000 Euro Depotwert, Rendite 7 %, 22 Jahre Restlaufzeit: Der Kostenvorteil von 1,4 % p.a. ergibt nach 22 Jahren ca. 18.000 Euro mehr Endwert im günstigen AVD.
Der Zinseszins-Effekt macht den Unterschied.
Risikohinweis: Simulationen sind keine Renditeprognosen. Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar.
Stand: Juli 2026
Weiterführende Informationen: Riester-Verwaltungskosten | Riester-Wechselkosten | Altersvorsorgedepot
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Weiterführende Begriffe
Für ein tieferes Verständnis der Themen in diesem Artikel empfehlen wir folgende Glossareinträge:
- Altersvorsorge — Überblick über alle Formen der privaten und staatlichen Altersvorsorge
- Rentenversicherung — Funktionsweise der gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland
- ETF — Exchange Traded Funds: kostengünstige, börsengehandelte Indexfonds
- Abgeltungssteuer — Kapitalertragssteuer auf Zinsen, Dividenden und Kursgewinne
- Sparerpauschbetrag — Jährlicher Freibetrag von 1.000 Euro (Alleinstehende) auf Kapitalerträge
- Zinseszins — Wie Erträge auf bereits erzielte Erträge weiterwachsen
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Entscheidungsrahmen: Systematische Bewertung
Eine fundierte Entscheidung zwischen Weiterführen und Wechseln erfordert einen strukturierten Bewertungsrahmen. Die folgenden Fragen helfen, die richtige Option für die eigene Situation zu identifizieren.
Frage 1: Wie hoch ist die effektive Kostenbelastung des bestehenden Vertrags?
Vergleichen Sie die Gesamtkostenquote Ihres aktuellen Riester-Vertrags mit den Kosten eines AVD-Standarddepots (gesetzlicher Kostendeckel). Je höher die Kostendifferenz, desto stärker der finanzielle Anreiz für einen Wechsel – bei ausreichend langer verbleibender Laufzeit.
Frage 2: Welche Garantien enthält der bestehende Vertrag?
Ein garantierter Rentenfaktor ist ein wertvoller Bestandteil klassischer Riester-Rentenversicherungen. Hohe Rentenfaktoren aus früheren Jahren, als die Zinsen noch höher waren, sind durch eine Übertragung nicht erreichbar. Prüfen Sie genau, welchen Wert dieser Faktor für Sie persönlich hat.
Frage 3: Wie lange ist die verbleibende Ansparzeit?
Je länger die Restlaufzeit bis zum Renteneintritt, desto stärker wirken Kostendifferenzen und Renditedifferenzen auf das Endergebnis. Bei kurzer Restlaufzeit (weniger als 5 Jahre) überwiegen die Transaktionskosten des Wechsels oft den potenziellen Vorteil.
Frage 4: Wie hoch sind die Wechselkosten?
Fordern Sie beim aktuellen Anbieter den genauen Übertragungswert an und vergleichen ihn mit dem aktuellen Vertragswert. Die Differenz sind die effektiven Wechselkosten durch Stornoabzüge.
Argumente für das Weiterführen
Es gibt legitime Gründe, einen bestehenden Riester-Vertrag beizubehalten:
Hoher garantierter Rentenfaktor: Verträge, die in Zeiten hoher Rechnungszinsen abgeschlossen wurden, können Rentenfaktoren enthalten, die heute nicht mehr erreichbar sind. Der Verlust dieses Faktors durch einen Wechsel kann erheblich sein.
Kurze Restlaufzeit: Wer in wenigen Jahren in Rente geht, hat keine Zeit, um Wechselkosten durch langfristige Renditevorteile zu kompensieren.
Niedrige bestehende Kosten: Einige ältere Verträge sind nach Ablauf der Abschlussprovisionsphase günstig. In diesen Fällen ist der Kostenvorteil durch einen Wechsel gering.
Argumente für einen Wechsel ins AVD
Auf der anderen Seite gibt es klare Signale, die für einen Wechsel sprechen:
Hohe laufende Kosten: Wenn der bestehende Vertrag trotz langer Laufzeit noch hohe jährliche Gebühren aufweist und kein wertvoller garantierter Rentenfaktor vorhanden ist, spricht die Kostenlogik für einen Wechsel.
Lange verbleibende Laufzeit: Bei 20 oder mehr Jahren bis zur Rente kann eine Kosteneinsparung von 1 % p. a. das Endkapital erheblich beeinflussen.
Wunsch nach einfachem, transparentem Produkt: Das AVD-Standarddepot ist konzeptionell einfach aufgebaut. Für Sparer, die Transparenz und Kontrolle über ihre Anlage schätzen, kann es attraktiver sein als komplexe Versicherungsprodukte.
Zusammenfassung: Wann welche Option?
| Situation | Empfehlung |
|---|---|
| Hoher Rentenfaktor, kurze Restlaufzeit | Weiterführen |
| Hohe Kosten, langer Horizont, kein wertvoller Rentenfaktor | Wechsel ins AVD erwägen |
| Niedrige Kosten, langer Horizont | Weiterführen oder Wechsel bei günstigen Bedingungen |
| Beitragsfrei gestellter Vertrag mit hohen Stückkosten | Konsolidierung oder Wechsel prüfen |
Die Entscheidung ist individuell und hängt von den konkreten Vertragsdetails, dem Alter und der persönlichen Risikobereitschaft ab. Eine unabhängige Beratung kann helfen, alle Faktoren zu berücksichtigen.
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Entscheidungsmatrix: Detaillierte Bewertungskriterien
Die Entscheidung zwischen Weiterführen und Wechseln ist von Person zu Person unterschiedlich. Eine strukturierte Entscheidungsmatrix hilft, die eigene Situation objektiv zu bewerten.
Dimension 1: Vertragswert und Wechselkosten
Berechnen Sie die effektiven Wechselkosten: Aktueller Vertragswert minus Übertragungswert (nach Stornoabzügen). Das sind die direkten Kosten eines Wechsels.
Faustregel: Wechselkosten unter 2 % des Vertragswerts sind in der Regel vertretbar, wenn die verbleibende Laufzeit lang genug ist, um den Nachteil durch Kostenvorteile zu kompensieren.
Dimension 2: Jahreskostenvergleich
Stellen Sie die jährlichen Kosten des alten Vertrags (in % des Vertragswerts) den Kosten des neuen Produkts gegenüber. Eine Differenz von 0,5 % bedeutet bei 50.000 Euro Kapital 250 Euro jährliche Ersparnis.
| Vertragswert | Kostendifferenz 0,5% | Kostendifferenz 1,0% | Kostendifferenz 1,5% |
|---|---|---|---|
| 10.000 Euro | 50 Euro/Jahr | 100 Euro/Jahr | 150 Euro/Jahr |
| 30.000 Euro | 150 Euro/Jahr | 300 Euro/Jahr | 450 Euro/Jahr |
| 50.000 Euro | 250 Euro/Jahr | 500 Euro/Jahr | 750 Euro/Jahr |
Dimension 3: Verbleibende Ansparzeit
Je länger die Restlaufzeit, desto stärker wirkt ein Kostenvorteil. Als grobe Orientierung: Ein Wechsel mit Wechselkosten von 1.000 Euro lohnt sich bei einer jährlichen Kosteneinsparung von 500 Euro nach zwei Jahren.
Dimension 4: Qualität der Anlage
Analysieren Sie, wie das Kapital im alten Vertrag angelegt ist. Fondsgebundene Produkte mit günstigen ETFs können bereits gut positioniert sein. Klassische Rentenversicherungen mit niedrigem Rechnungszins haben strukturelle Renditenachteile.
Was bedeutet Bestandsschutz für laufende Riester-Verträge?
Bestandsschutz bedeutet, dass bestehende Riester-Verträge nach den Regeln weitergeführt werden können, die zum Zeitpunkt des Abschlusses galten. Das neue Altersvorsorgereformgesetz schafft ab 2027 das Riester-System für Neuverträge ab, berührt aber laufende Verträge nicht.
Konkret: Wer einen Riester-Vertrag hat, kann diesen nach dem 31.12.2026 weiterführen und weiterhin Zulagen und Sonderausgabenabzug nutzen. Die Förderkonditionen bleiben unverändert. Eine Pflicht zum Wechsel ins neue System gibt es nicht.
Lediglich neue Riester-Verträge sind ab 2027 nicht mehr möglich. Das ist der entscheidende Unterschied: Bestandsschutz für laufende Verträge, Neuabschluss-Stopp für neue.
Erfahrungsberichte: Verschiedene Entscheidungssituationen
Um die abstrakte Analyse zu veranschaulichen, helfen typische Szenarien:
Szenario A: Junge Arbeitnehmer mit langer Laufzeit
Eine 32-jährige Arbeitnehmerin hat einen Riester-Fondssparplan mit 8.000 Euro Kapital und hohen laufenden Kosten von 2 % p. a. Bei 35 Jahren bis zur Rente und einer möglichen Kosteneinsparung von 1,5 % durch einen Wechsel ins AVD lohnt sich der Wechsel trotz eines Stornoabzugs von 200 Euro.
Szenario B: Älterer Sparer mit kurzem Horizont
Ein 60-jähriger Arbeitnehmer hat eine klassische Rentenversicherung mit einem wertvollen Rentenfaktor aus dem Jahr 2002. Er geht in 7 Jahren in Rente. Wechselkosten von 3.000 Euro und der Verlust des hohen Rentenfaktors sprechen gegen einen Wechsel. Weiterführen ist die überlegte Entscheidung.
Szenario C: Beitragsfrei gestellter Vertrag
Ein 45-jähriger Arbeitnehmer hat einen beitragsfrei gestellten Riester-Banksparplan mit 4.000 Euro Kapital und hohen Stückkosten. Das Kapital wächst kaum noch. Ein Wechsel ins AVD, verbunden mit einer Wiederaufnahme der Beitragszahlung, ergibt strukturell Sinn.
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